Schwächen zeigen? Aus der Reihe tanzen!

Immer wieder kommt es mir so vor, als würde ich extrem viel Privates von mir schreiben und preisgeben. Wieso schreibe ich nicht mehr über unverfängliche Themen wie veganes Essen/Rezepte oder die (Um)Welt (obwohl auch das allein ja schon  reichlich Diskussion auslösen kann)?! Natürlich ist es leichter über die Politik, die Welt oder Bücher und Essen zu schreiben/reden als über sich selbst.. Der ganze Private Bereich hilft mir aber selber dabei, mich besser zu verstehen und zu verarbeiten was meiner Meinung nach zu verarbeiten ist. Es ist grad mal ein Bruchteil von dem, was tatsächlich alles zu mir gehört, zu meinem Leben, meiner Biografie.. Einiges davon stelle ich auch gerne etwas überspitzt dar. Ich mag auch Texte von anderen über dieses Thema. Ich finde es wichtig und gut, mit Aussagen zu provozieren, damit andere vielleicht mal aufschreien und sich angesprochen fühlen.

Es kommt mir wahrscheinlich nur so vor, besonders offen zu sein, weil man sonst in der heutigen Zeit eher weniger über solche Themen spricht oder schreibt. Und wenn man es dann mal tut, wird man angeguckt wie ein Auto bzw. steht dann alleine mit seiner Meinung und seinem Gesprächsbedarf da. Ich möchte mich nicht mehr dafür schämen müssen, was mit mir los ist und wie ich mich fühle. Denn all das gehört zu mir, ist ein Teil von mir und es mag auch eine Schwäche sein, weil ich nicht so „normal“ oder angepasst bin wie andere. Naja, sei’s drum, normal war und wollte ich eh nicht sein. Und darüber zu schreiben betrachte ich persönlich als Stärke. Aber das mag gerne jeder anders sehen.

Dennoch -ist es in unserer Leistungsgesellschaft nicht so, das man lieber darüber schreibt oder redet was man alles erreicht hat. Wie oft gibt es Ratgeber darüber, wie man besonders schnell erfolgreich wird. Ohne viel dafür zu tun. Höher, besser, größer, schneller, weiter, effektiver. Da kann doch gar nichts mehr schief gehen. Eltern- und Beziehungsratgeber, Fitness- und Ernährungstipps, Oder Wie man Glück erreicht.  Weil es nur darum geht?!
Auf Dauer wird das aber leider meist nix. Denn die Realität sieht anders aus, und jeder erlebt sie auch anders. Was macht man am besten gegen fehlendes Selbstwertgefühl, eine Depression oder eine Trennung? Ratgeber lesen ist da eher eine schlechte Alternative..

Und wenn man schon nicht finanziell erfolgreich ist, dann will man es wenigstens Privat. Eine tolle Beziehung führen, heiraten, Kinder kriegen, Mutter sein, Freundin sein.. wenigstens anderen helfen und ihnen gute Ratschläge geben. Hauptsache ich habe etwas, was mich nach außen hin gut wirken lässt. Ganz nach dem Motto: „Ich bin erstmal nichts wert, erst wenn ich nicht  für andere etwas geleistet habe“..
Und überhaupt, was mache ich wirklich mal für mich?  NUR für mich? Wie sehr achte ich auf mich, wie liebevoll gehe ich mit mir um? In Gedanken? Meist eher nicht so..

Aber nach außen! ist alles friede freude eierkuchen, trallafitti, mir geht es gut.

Sind wir nicht auch ständig bestrebt Harmonie herzustellen? Beim Weihnachtsessen mit der Familie,  was einen total ankotzt? Wenn ein(e) Freund(in) / Partner(in) irgendwie total daneben war, man aber keinen unnötigen Streit möchte. Ich für meinen Teil muss ganz klar sagen, ich war / bin es schon. Klar muss man nicht aus jeder Mücken einen Elefanten machen und so einen Streit herauf beschwören, aber alles runterschlucken ist hier auch nicht die Lösung. Sind wir bestrebt keine Fehler bzw. vieles richtig (gut) zu machen? Auch hier spreche ich mal von mir selbst und sage,ja, natürlich bin ich das. Gab ja auch nie ein Lob, wenn ich was verbockt habe. Das prägt sich so ein. Nicht über unsere eigenen Schwächen zu reden wurde uns doch quasi anerzogen.. Ob von den Eltern/Familie oder von der Gesellschaft.

Wo wird man mal aktiv dazu aufgefordert die ganze Sch**** (sorry) rauszulassen?
Wut rauslassen und abbauen ist ein zentrales Mittel um sich danach besser zu fühlen. Aber das wird uns ja meist als „Fehler“ oder Unpässlichkeit unterstellt. Ich bin generell ein kritischer Mensch und sehe auch die Gesellschaft in der wir leben mit kritischem Blick. Unter anderem als einen Grund dafür, warum immer mehr sogenannte psychische Krankheiten auftreten. Burn-out, Überforderung, Stress (natürlich ganz zuoberst als der Bösewicht schlechthin!). Aber da es ja ein allgemeines Problem ist, wird es natürlich auch anerkannt, es gibt ja mitlerweile auch vieles gutes von der Pharmaindustrie für unsere psychischen Leiden und Unannehmlichkeiten. Klar, der Markt profitiert davon.
Und wir? Wir streben weiter nach Aktionismus, Perfektionismus, wollen aber auch Anerkennung und Lob bekommen, sollten zudem nicht zu Egoistisch oder narzistisch sein. Schließt sich teilweise gegenseitig aus. Wir verlieren den Blick für das das Mögliche, was ist mit Realismus? Verlieren den Blick für uns selbst.. Schauen zu sehr auf das außen.

Überall treffen wir auf Tipps oder Regeln, tu dies nicht, mach das nicht, mach das so, oder lieber SO. Natürlich sind einige dieser Regeln nicht schlecht und erleichtern das Zusammenleben und den Umgang miteinander und der Welt, damit wir uns nicht dauernd die Köpfe einschlagen (Schaut man auf die ganze Gewalt in der Welt scheinen es einige aber immer noch nicht ganz verstanden zu haben). Aber manchmal muss man eben auch mal nicht alles so auf die Reihe bekommen. Man hat es nicht immer leicht, und darf auch mal scheitern. Man hat nicht immer schöne Dinge erlebt und jeder Mensch hat auch Bedürfnisse die befriedigt werden wollen. Alles auf einmal geht nicht.. Doch wie soll man sich dann noch trauen, sich etwas einzugestehen nicht geschafft zu haben?
Bei so vielen Ratgebern wurde noch keiner geschrieben wie z.B. „Die 10 besten Wege sich seine Schwächen einzugestehen“, oder?!