I’m addicted to you..

Wenn wir das Wort Sucht hören, verbinden wir es meist nur mit ganz drastischen Formen davon. Alkoholsucht. Drogensucht. Rauchen. Da ist es für alle offensichtlich, dass man abhängig ist. Auch der/die Süchtige merkt oder weiß es meist selbst.
Es gibt natürlich auch solche, die sich ihre Sucht lange Zeit erstmal nicht eingestehen wollen.

Anders ist es bei nicht so drastischen oder offensichtlichen Formen: Workaholics. (Fr)esssucht. Magersucht. Sportsucht. Helfer. (Menschen, die andauernd helfen wollen und müssen um sich gut zu fühlen. Mit dem Helfersyndrom habe ich mich lang und ausgiebig in meinem Studium befasst..)

Die Sucht dient dazu, etwas zu kompensieren, etwas auszugleichen. Stress abzubauen, sich danach oder dabei gut zu fühlen. Endorphine auszuschütten.
Aufgrund der ganzen Endorphine will man der Sucht dann auch gar nicht unbedingt entkommen, egal wie schlecht man sich direkt dabei, danach oder am nächsten Tag fühlt.
Es kann passieren, dass man aus der einen Sucht entkommt, und einige Wochen oder Monate später in die nächste Sucht gerutscht ist. Das würde vielleicht erklären warum so viele, die das Rauchen aufhören, zunehmen..oder sich in die Arbeit stürzen. Nur ne Hypothese!

Warum verlagert man die Sucht?
Weil man den Grund nicht herausgefunden und „behandelt“ hat, der ursprünglich mal zu einer Sucht (welcher auch immer) geführt hat. Wahrscheinlich wird man dann viele Jahre lang abhängig von irgendetwas bleiben, bis man mal dem Grund auf die Spur geht..

Ich habs am eigenen Leib erlebt und dachte auch lange Zeit: „Was wollen die denn alle?!“ Ich halte mich doch nur fit. Ich habe halt genügend Ehrgeiz und Motivation. Mein Antrieb ist immer da. Ich mache das weil ich mich gut dabei fühle. An manchen Tagen wenn ich mal keine Zeit hatte oder mich nicht gut fühlte wurde ich so hibbelig, dass ich es kaum aushielt. Wenn ich ne Woche krank war, war es der reinste Horror, deswegen verbot ich mir das quasi. Nicht schwächeln, nicht entspannen. Immer unter Strom. Ich hatte zu funktionieren! Es war Sucht / Abhängigkeit von Sport. Sport treiben um Ängste und Sorgen, Stress und Negatives zu verdrängen. Davor wegzulaufen, sie einfach weg zu trainieren. Danach war der Kopf frei und ich war erschöpft. Es passierte aber genau das gut fühlen und die Endorphinausschüttung die ich so herbei sehnte. Nicht vieles anderes konnte mir diese Glücksgefühle geben. Also wollte ich immer und immer mehr davon. Am nächsten Tag kam dann meist der Muskelkater, aber auch den nahm ich in Kauf. Trainierte sogar trotz Muskelkater weiter. Wie gesagt, auf meinen Körper hören war nicht mein Ding. Der hatte still zu schweigen und mich bitte nicht von meinem Glückstaumel zu erlösen.

Wenn ich eine stressige Situation erlebte, ein Streitgespräch hatte, nicht besonders Selbstsicher war oder einfach Langeweile hatte wurde mein Drang Sport zu machen umso größer. Manchmal ging ich auch zweimal am Tag, trainierte unterschiedliche Muskelgruppen oder ging erst laufen und abends nochmal Krafttraining machen. Ich dachte schon beim Aufstehen daran, wann ich heute Sport mache. Morgens oder Abends?! 7 Tage die Woche. Wenn ich keinen Sport machte, dann redete ich mit Leuten über Sport oder ging arbeiten. Selbst an so Tagen wie heute, dem heiligen Sonntag, an dem ich mir endlich auch mal Ruhe hätte gönnen sollen. Aber nein, da hatte ich ja erst Recht Zeit, also verbrachte ich 2-3 Stunden im  Fitnessstudio. So ging das wirklich 365 Tage im Jahr. Alles musste getimt sein. Außer ich war vielleicht mal 4-5 Tage im Jahr krank, dann musste ich gezwungenermaßen aussetzen. Diese Tage waren dann die Hölle, ich wusste nichts mit mir anzufangen, fühlte mich klein und minderwertig und hatte die Befürchtung, all die Erfolge und Fortschritte der letzten Monate würde zunichte gemacht werden. Ich musste also direkt nach dem ich wieder gesund war mit 120% erneut durchstarten. Bloß kein Rückschritt dachte ich mir. Auf meinen Körper habe ich wie gesagt gar nicht mehr gehört.

Nur noch wahrgenommen wann ich Hunger und Durst habe, denn gute ausgewogene Ernährung gehört ja dazu. Sonst baut man keine Muskeln auf und der Körper hat nicht genügend Nährstoffe,und so weiter.. Ich denke das kennen viele zu genüge. Schlafen konnte ich dadurch meist recht gut, ich war ja auch erschöpft. Aber andere Entspannung zulassen ging meist nicht. Auch in der Sauna oder beim „chillen“ auf der Couch war mein Körper auf Spannung. Ich nahm nicht mehr wahr, wie sehr ich mal Entspannung gebraucht hätte. Und das hat sich dann nach 1 1/2 Jahren auch bemerkbar gemacht. Obwohl der Körper anfing zu schwächeln musste es immer weiter gehen. Bis März 2015. Denn da konnte ich nicht mehr, da haben mein Körper und auch mein Kopf schlapp gemacht. Zusammenbruch. Ausgepowert. Batterien vollkommen leer.

Seitdem habe ich Zeit gehabt, die Gründe und Ursachen für diese Sucht zu ergründen. Und ich stieß auf so einiges, denn es war nicht nur die eine. Nebenher liefen noch einige andere ungesunde Dinge ab, die ich alle aber auch nie so wirklich wahrnehmen wollte. Die ich jetzt auch nicht alle in einem Beitrag aufkommen lassen will. Aber es musste sein, damit ich mal wieder etwas klarer werde. Und das war nicht leicht. und sehr schmerzhaft. Ja, es zieht einen runter und die so sehr geliebten Glücksgefühle bleiben auf einmal aus. Es fühlt sich an wie eine Depression, ist aber erstmal nur das knallharte Leben, abseits der von mir geschönten Welt, in die ich mich immer verlieren konnte, wenn der Rest mal nicht so lief..

Ich will damit jetzt nicht den Sport verteufeln, auf keinen Fall! Sport ist wichtig und gesund, wenn man ihn im gesunden Rahmen betreibt und nicht übertreibt. Wenn man auf die Grenzen des Körpers hören kann, sich Ruhe gönnt und Sport nicht nur macht, um irgendetwas zu kompensieren oder zu verdrängen. Es ist nicht gut, wenn man damit vor etwas wegläuft, oder damit überhöhte Glücksgefühle erzeugen will, ohne die man nicht mehr Leben kann. Ein gesundes Gefühl der Erschöpfung ist schön und auch notwendig um dem Arbeits- oder Alltagsstress mal zu entfliehen. Ich glaube es ist vielleicht auch ein schmaler Grad und deswegen habe ich es solange nicht wahrnehmen und einsehen wollen. Deswegen sollte man von Zeit zu Zeit vielleicht mal seine Motivation hinterfragen. Wenn man auch mal ne Woche „in Ruhe krank sein kann“ dann ist vermutlich noch alles in Ordnung 😉

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4 Kommentare zu „I’m addicted to you..

  1. Ein sehr interessanter Beitrag und Einblick in eine Art der Sucht, die ich so noch gar nicht wahrgenommen habe… Ist es nicht so, dass wir alle irgendeiner „Addiction“ nachgeben, aber darf man das immer als Sucht bezeichnen? Das Schreiben, das Streben nach Harmonie, Sport, mit lieben und Gleichgesinnten Freunden zusammen zu sein? Ich denke, da hat jeder von uns so eine Leidenschaft, die uns vielleicht gar nicht so gut tut, wie wir selbst denken. Aber darüber nachdenken, das lohnt sich allemal.
    Danke für’s Augen öffnen…

    Gefällt 2 Personen

    1. Gerne.. Ich denke man muss dann immer genau hinterfragen, ist es wirklich schon Sucht oder hält es sich noch im normalen Rahmen?! Tut es mir gut oder leide ich darunter wenn ich dieser „sache“ was auch immer es ist, nicht mehr nachgehe.. Kann ich auch ohne ist wohl die Frage..

      Gefällt 1 Person

  2. Guten Morgen.

    Was Du schreibst, kommt mir alles sehr bekannt vor. Mit Sport hatte ich es auch einmal; recht früh sogar.

    Es war noch auf dem Gymnasium, so mit sechzehn. Mit den Mitschülern konnte ich wenig anfangen; mein Bekannten- und Freundeskreis war durchschnittlich mindestens zwei Jahre älter als ich.

    Und ich sah mir „zu jung und bubihaft aus“. Was habe ich gemacht? Jeden Tag erst zu einer Süßmosterei arbeiten und Geld verdienen und dann weiter zum Gymnasium etwa acht Kilometer weiter. Und nach Schulschluss wieder zurück. Karate habe ich auch gemacht und jeden Tag etwa zwei Stunden trainiert. Und Tennisspielen war angesagt. Und abends habe ich mich mit meinen Bekannten getroffen…

    In diesen, etwa zwei Jahren war übrigens mein Trinken abgemeldet. Das kam dann später wieder, bei der Bundeswehr und zwar heftig. Da gab es an meinem Standort stationierte Amerikaner; Vietnamveteranen großenteils; mit denen habe ich getrunken…

    Hast Du eine Sucht, hast Du eine Option auf alles, was süchtig machen kann und selbst die Abstinenz von Süchten kann zur Sucht werden… Es ist schon… „Kann man einen Pudding an die Wand nageln?“

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt 1 Person

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